Telekom-Blog #1: Arbeitsteilung von morgen im Coworking Space „Heimat 2.0“

Im ersten Stock befindet sich das "Heimat 2.0" (Image: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Im ersten Stock befindet sich das „Heimat 2.0“ (Image: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)

Von der Marktstraße in Bad Tölz schaut man über die Isar und blickt auf die Alpen; man ist umgeben von mittelalterlichen Bürgerhäusern. Ein oberbayerisches Kleinod, rund 50 Kilometer südlich von München. Hier, in einem alten Brauhaus aus dem 16. Jahrhundert, befindet sich das Coworking Space “Heimat 2.0”. Denn die Zukunft der Arbeit wird nicht allein im Silicon Valley oder den Metropolen dieser Welt entdeckt. Auch in der Provinz wird der Wandel mitgestaltet.

Ich habe das Coworking Space “Heimat 2.0” im Oktober 2014 entdeckt, als ich mit meiner Freundin einen Ausflug durch Oberbayern machen wollte, wir beide aber spontan für ein paar Stunden arbeiten mussten. Offene WLAN-Netze sind auf dem Land immer noch selten und nicht jedes Café hier ist ein Starbucks. Nach einer kurzen Recherche entdeckten wir mithilfe einer Suchmaschine das “Heimat 2.0”, ein Coworking Space in bester Lage im Zentrum von Bad Tölz.

 

Was ist ein Coworking Space?

Coworking Spaces sind Räume, in denen Menschen zusammenarbeiten. Vom Prinzip her sind es Bürogemeinschaften, wie sie schon seit Jahrzehnten betrieben werden. Der Zweck eines solchen Zusammenschlusses ist die gemeinsame Nutzung von Arbeitsmitteln wie einem Raum oder auch technischen Geräten. Doch Coworking, dieser 2005 in San Francisco geprägte Begriff, meint mehr, als nur in einem gemeinsamen Büro nebeneinanderher zu arbeiten.

Beim Coworking steht vor allem das kollaborative Arbeiten im Vordergrund. Coworker bilden eine Gemeinschaft, in der man voneinander profitiert. Trotzdem können Coworker auch eigene Projekte verfolgen, doch bestenfalls wird gemeinsam ein Projekt verwirklicht und jeder Coworker trägt mit seinen besonderen Fähigkeiten dazu bei.

Es geht aber auch darum, dass Menschen sich treffen, untereinander austauschen, gegenseitig inspirieren und gemeinsam Ideen entwickeln. Das kann nicht geplant werden. Deshalb ist eine wichtige Aufgabe in einem Coworking Space das Community Management, denn wie an jedem Arbeitsplatz müssen die Menschen sich hier wohlfühlen können. Im Gegensatz zu einem Unternehmen kann die Gemeinschaft aber auch gezielt gebildet werden. In einigen Coworking Spaces entscheiden alle Mitglieder zusammen über neue Bewerbungen. Es geht dann nicht nur nach Fähigkeiten, sondern vor allem nach sozialen Qualitäten.  

Was in München funktioniert, kann auch hier klappen.“

Im Bad Tölzer Coworking Space “Heimat 2.0” geht es noch nicht so streng zu. Als Marco Tunger vor sechs Jahren ein Büro für seine Werbeagentur “ichunddu” suchte, fand er die 220 Quadratmeter große Räumlichkeit im ersten Stock des alten Brauhauses. Viel zu viel Platz für das damals fünfköpfige Team und auch heutzutage würde sich Marcos Agentur mit den sieben Angestellten in dem Büro verloren fühlen. Er entschied sich deshalb aus ganz pragmatischen Gründen für Coworking.

Was in München funktioniert, kann auch hier klappen”, dachte sich Marco. Es gibt ungefähr 1.300 Freiberufler rund um Bad Tölz, erklärt er mir im Gespräch. Marco wollte den nicht genutzten Raum vermieten und so auch Kontakt zu diesem hier auf dem Land ungehobenen Kreativschatz herstellen. Inzwischen sind sieben Arbeitsplätze dauerhaft vermietet, für spontane Besucher wie meine Freundin und mich ist aber immer noch Platz. Gäste sind hier sehr willkommen.  

Das “Heimat 2.0” ist ein etwas anderes Coworking Space, genauso wie es Marcos Werbeagentur ist. Ihr gehört eine waschechte Kuh, die zugleich auch Maskottchen der Agentur ist. Mit dem hauseigenen 3D-Drucker hat er kleine Versionen der Kuh hergestellt – quasi als Visitenkarte. Coworker können den Drucker natürlich ebenfalls nutzen, genauso wie den Protonet-Server, den VDSL-Anschluss der Telekom, den Kickertisch und natürlich die Kaffeemaschine. Man teilt sich hier alles und hilft sich auch gegenseitig.

Kreativer Austausch und wirtschaftliche Vorteile

Die Coworker hier bilden typischerweise einen bunt gemischten Haufen an Talenten. Neben einem SAP-Berater, einem klassischen Vertriebler und Gesundheitscoach haben sich hier auch ein in München erfolgreicher Food-Designer, ein App-Entwickler und Grafiker eingemietet. Wie Clemens Maucksch, ein 3D-Grafiker und Filmemacher, der hier seit April 2014 arbeitet, um dem oft wenig professionellen Home Office zu entkommen.

Es war die Notwendigkeit, einen Platz zum Arbeiten zu finden, die ihn ins “Heimat 2.0” brachte, aber auch die Hoffnung auf neue Aufträge durch die Zusammenarbeit. Marco hat ihn und andere Coworker seitdem öfter mit in ein Projekt eines Kunden geholt, wenn es passte. Dadurch haben inzwischen alle Coworker auch finanziell von dem kollaborativen Beisammensein profitiert. Und den kreativen Austausch, den man so nicht bei sich zu Hause findet, wie Clemens betont. Auch Marcos Agentur profitiert von den Coworkern. “Es herrscht dadurch eine andere Arbeitsatmosphäre”, sagt er. Auch Clemens empfindet das Beisammensein hier als kreativer und produktiver. Er wünscht sich deshalb noch mehr Coworker, um noch mehr Möglichkeiten des Austauschs mit anderen zu haben. Dagegen hätte auch Marco nichts, denn auch wenn das Coworking Space als eigenständiges Geschäft noch nicht wirtschaftlich ist, schätzt er den Input der anderen Coworker sehr.  

Die Community ist entscheidend

Was wie paradiesische Arbeitsbedingungen klingt, muss aber nicht etwas für jeden sein. Denn auch wenn das “Heimat 2.0” noch kein strikt organisiertes Community Management hat, achtet Marco persönlich darauf, dass es auch menschlich stimmt. Ein angenehmer Arbeitsalltag steht im Vordergrund, dies erreicht er bis jetzt mit möglichst wenigen Vorgaben. Die Gemeinschaft entsteht hier von selbst. Marco hat bei der Auswahl der Coworker für sein Space ein glückliches Händchen bewiesen.  

Es mag auch an der eigenen Kuh liegen, die dem Coworking Space vielleicht nicht nur Maskottchen, sondern auch Vorbild ist. Das Tier ist in erster Linie nützlich, ein hier fest verankertes Symbol für die ländliche Region, mit der sich alle Coworker identifizieren können. Zwar hat das Tier auch seinen eigenen Kopf, in der Kreativbranche ist das aber selten ein Nachteil und am Ende überwiegen doch die positiven Eigenschaften, die man der Kuh nachsagt. Ungefähr so ist auch Coworking im “Heimat 2.0”, eine rundum positive Erfahrung.

So kommt man zum Coworking

Wer jetzt einmal selber im “Heimat 2.0” arbeiten möchte, kann sich direkt auf den Weg in die Marktstraße 4 in Bad Tölz machen, denn die meisten Coworking Spaces kann man spontan aufsuchen. Dort ist alles vorhanden, vom Monitor bis zur Tastatur. Einzige Regel: Bring Your Own Device, kurz BYOD. Das heißt, dass man ein Notebook dabeihaben sollte.

Mir ist es erst einmal passiert, dass ich keinen Platz mehr bekommen habe. Wer darum sicher gehen will, schreibt einfach eine Mail, ruft an (Tel.: 08041 80888-40) oder meldet sich über Facebook bei Marco. Ab 9 Uhr ist jemand vor Ort anzutreffen und vor 18 Uhr wird auch niemand nach Hause geschickt. Mitglieder können selbstverständlich länger bleiben, in manchen Coworking Spaces haben sie sogar einen 24/7-Zugang.

Wer vielleicht Coworking bei sich in der Umgebung testen möchte, kann sich gerne an mich wenden. Vielleicht kenne ich etwas und kann ein sehenswertes Coworking Space empfehlen. Ansonsten lohnt sich vielleicht schon ein Blick auf das noch im Aufbau befindliche Portal “Work Like You Want” , das langsam zu einer wichtigen Vergleichsplattform von Coworking Spaces wird.

Preislich variieren die meisten Coworking-Angebote stark. Ein Monat kann zwischen 150 und 500 Euro kosten. In Bad Tölz sind es 300 Euro. Ein Tag kann 15 bis 20 Euro kosten. Bei manchen ist der erste Tag oder die erste Woche kostenlos.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Netz-Blog von Deutsche Telekom.

Veröffentlicht von

Tobias

Tobias is a blogger and head of the German online magazine Netzpiloten.de. Before "Coworking & Travel" he travelled along the river Elbe as the "ElbeBlogger" and wrote for the blog of the Deutsche Telekom.